Rush hour in Haifa. Die Blechlawine wälzt sich durch die Straßen. Feierabend. Menschen mit müden Gesichtern tragen ihre Plastiktüten nach Hause. Haifa ist eine Arbeiterstadt, man sieht es deutlich. Die Atmosphäre ist ganz anders als in Jerusalem. Natürlich arbeitet man auch dort. Natürlich betet man auch hier. Doch wenn man durch die weitläufigen, überall bebauten Hügel von Haifa läuft sieht man die schmucklosen, funktionalen Wohnblöcke, an denen die Klima Anlagen kleben.
Feierabend-auch für mich. Ich werde am Strand beobachten, wie die Sonne ins Meer fällt. Doch vorher muss ich mich in Geduld üben, während die Busse im Schrittempo um die Kurve biegen. Wartezeiten sind für mich immer auch Beobachtungszeiten, kleine Momentaufnahmen, von Gesichtern, in denen ich versuche zu lesen. Der müde Soldat dort, chattet er mit seiner Freundin? Sagt er gerade zu Hause ab, dass er diesmal nicht über Shabat nach Hause kommt?
Der Vater auf der anderen Straßenseite, orthodox gekleidet, mit den fünf Kindern, eins davon im Kinderwagen, eins im Tragegurt am Bauch, zwei an der Hand und das älteste auf dem Fahrrad, macht er einfach zeitgemäß und unorthodox seinen Job als Papa, oder ist es eine Notlösung, weil die Mama krank zu Hause oder mit dem 6. Kind in der Klinik liegt? Oder einfach beides?
Mein Ohr badet sich in dem Sprachgemisch.. Das Auge wandert.
Die beiden schönen arabischen Mädchen dort, in Spaghetti-Trägertop, bauchfrei, knallrote Lippen, die offenen langen Haare im Wind, die sich kichernd übers Handy beugen, machen die ihren Eltern Sorgen oder ist das einfach normal?
Die arabischen Jungs, die auf dem Motorrad an der Tankstelle rumlungern, suchen sie Arbeit?
Der Afrikaner, der den Müll zusammen fegt, hat er ein Zuhause, eine Familie oder wo geht er hin nach Feierabend?
Die drei alten Russinnen, die sich lautstark über etwas unterhalten, könnten sie das auch auf hebräisch oder sprechen sie, wie so viele Russen hier, auch nach Jahren nur ihre Heimatsprache?
Wie dem auch sei, durch mein Herumschauen hab ich meinen Bus verpasst. Der hält hier nur, wenn man sich demonstrativ an die Straße stellt und der ganze Körper "Halt an" signalisiert.
Heute Mittag nach dem Essen ist es mir gelungen, mit Sarah zu sprechen. Unglaublich schnell und leise huscht diese nette alte Lady immer davon. Dabei schaut sie freundlich in alle Richtungen, ihr Hütchen auf dem Kopf, den dreibeinigen Gehstock neben sich und immer ein paar Tüten und Taschen in der Hand. Ich sprach sie an, da war sie schon im Türrahmen. Doch sie dreht sich um und setzt sich zu mir. Wir sitzen dann eine Stunde lang zusammen, sprechen im wahrsten Sinne des Wortes über Gott und die Welt. Ich begleite sie nach Hause, wir verabreden uns für morgen Nachmittag, um gemeinsam meinen Neujahrskuchen zu verspeisen.
Das ist das schönste an meiner Arbeit hier: sie beinhaltet Verabredungen, die ich selber treffen kann so oft ich will.
Zum Beispiel auch mit Zwi. Klopfe ich an seine Tür, bekomme ich ein freundliches Herein. Er liegt auf seinem Bett und würde das wohl auch bis zum Abendessen tun. Doch frage ich, ob er Lust auf einen Spaziergang hat, ist er freudig auf den Beinen.