Risse

Es geht tiefer hinein in  das Leben hier. Auf und Ab- jeder Tag ist eine neue Überraschung- und natürlich komme ich nicht darum herum, auch in widersprüchliche Momente zu geraten.

Die vergangene Woche bot mir in dieser Hinsicht Einiges.

Welcome to the Middle East.

Ich habe einen Mietwagen für zwei Tage.

Tag 1:  Eine Fahrt ins Naturreservat des Hula- Valley. Vögel ziehen dort durch, auf ihrer Reise in den Süden.

Eigentlich solte es ein Ausflug zu dritt werden. Doch noch bevor es richtig losgeht, stehen wir drei Frauen, die diesen trip zusammen unternehmen wollen,  in Diskussion und Missverständnisse verwickelt, auf der Straße in Haifa. Manchmal liegen Spannungen wie Materie in der Luft und entladen sich in erstaunlichen Gewittern- jeder bringt seine eigene Ladungsenergie aus seinem Leben mit und manchmal hat eine andere Person den verblüffend passenden Zünder. Anders kann ich die Situation, in der wir drei uns plötzlich befanden, nicht beschreiben. Wir zwei Deutschen wechselten ein paar Worte in unserer Sprache, um zu klären, wie man am leichtesten zu der weit entfernten Autovermietung kommt. Was dazu führte, dass die dritte im Bunde von uns forderte, sofort mit dem Deutsch sprechen aufzuhören, ansonsten würde sie nicht mitkommen. Kurzer Schlagabtausch und zurechtrücken von Positionen, dann fahren wir zwei Deutschen allein weiter. Im Auto, auf der Fahrt ins lauschige Naturreservat, machen wir den Fehler, oder sollte ich schreiben: trauen wir uns? -  über Glaube und Religion zu sprechen. Ein spannendes, wichtiges Thema- ein möglicher Abgrund oder schwarzes Loch zuweilen hier im Nahen Osten.

Die nette Deutsche, die neben mir im Auto sitzt, entpuppt sich als fanatische Christin. Die Bibel ist ihr Richtungsweiser 24 Hours a day. Alles davor? Heidentum, Götzendienst, dunkel und verwerflich. Jesus das einzige wahre Licht. Gott lenkte die Rakete neulich in den See Genezareth, damit sie nicht auf die Häuser falle...

Ich versuche, Brücken aus Gesprächsfetzchen zu bauen, indem ich  erzähle von meiner eigenen Suche nach Spriritualität. Ich stoße dabei aber immer wieder auf Besserwisserei und Belehrungen. Als ob ein Mensch, der seinen Glauben nicht in ein Quadrat packen kann, weniger weiß und belehrt werden kann wie ein Kind. Mein Widerspruchsgeist in mir wacht auf, räkelt sich, feilt die Krallen, lümmelt auf dem Rücksitz und ist nicht mehr stillzubekommen.

Sie widerspricht mir vehement, als ich von meiner Reise in die benachbarten Palästinensischen Gebiete erzähle. Ich werde korrigiert- es gibt kein Palästina- das sei nur eine vorübergehende Bezeichnung gewesen- das Land sei Galiläa- Jesus sei hier gewandelt, es ist das Heilige Land der Bibel, dieses Land hier sei schon immer der Staat Israel gewesen. Was für ein Unfug, denke ich- konzentriere mich aufs Fahren und übe mich darin, die Meinung des Gegenübers stehen zu lassen. Aber es fällt mir schwer.  Mir wird heftig widersprochen, als ich von Besatzern spreche- ich widerspreche heftig, als sie unsere gesamte Geschichte auf die Erschaffung von Adam und Eva zurückführen möchte und den Alleinanspruch von Juden und Christen auf diese Region hier bekräftigt. Schon einmal hörte ich es, von einer jüdischen Bekannten in Jerusalem und nun wieder: Sollen die Araber doch in die zahlreichen umliegenden Länder gehen, das seien doch alles arabische Länder- da ist doch genug Platz. Die Juden haben nur dieses kleine Land hier.

Menschen aus ihren Häusern vertreiben, von ihren Höfen, Weinbergen, Feldern- Menschen verjagen, umsiedeln, zwangsversetzen- oh ja, darin haben wir auch Übung. Und ich frage mich, wieso die Dame mit ihrem christlichen Herzen so wenig wissen will über die Verwerfungen hier, die andere Seite, den Schmerz auf Arabisch- den Verlust und den daraus resultierenden Hass. Von der Einseitigkeit wird mir übel- wenn das Auto sich der Lage anpassen könnte, würde es jetzt schräg auf der Straße liegen. Die Stimmung wird angespannt-  mein Fahrstil auch- ich bin befremdet und zugleich erstaunt über die absurde Situation: Da fahre ich durch den Nahen Osten, mit einer Deutschen eingeklemmt im MiniFiat Panda- und versuche, etwas zu verteidigen, was ich selbst so schwer nur fassen kann. Das Einzige, was mir plötzlich klar vor Augen steht, ist die Gewissheit, dass Einseitigkeit nichts voran bringt. Und mir wird plötzlich bewusst, wie viel Einseitigkeit ich hier immer wieder um mich habe. Selten das Erlebnis, dass es sich wirklich mischt und die Menschen gemeinsam ihr Leben leben. Immerhin ist es friedlich in Haifa, man lebt so nebeneinander her- jeder in seiner Kultur.

Nach beschaulichem Vogelguck im Naturreservat bringen wir zwei es doch tatsächlich noch fertig, zusammen nach Nazareth zu fahren. Meine Begleiterin hat noch nicht viel gesehen hier im Land, und ich stelle mir vor, dass die große Verkündigungskirche in Nazareth eine Art  Brücke zwischen uns beiden sein könnte. Wir stehen vor den Marienbildnissen, Foto hier  Foto da-

Ein Graffiti an einer Mauer zum Thema der Nakba, der Katastrophe für die Palästinensische Bevölkerung, wird kommentarlos gelesen.. 

Es bleibt mühsam bis zum Abend.

Am nächsten Tag wache ich mit Vorfreude auf: Lars kommt!

Bevor ich ihn in Tel Aviv vom Flughafen hole, fahre ich nach Rosh Hanikra.

Hier, an der nördlichsten Spitze von Israel, direkt an der Grenze zum Libanon, liegen die Grotten, die das Meer im Verein mit dem Wind in den Fels gegraben hat. In den Höhlen und Kammern tief im Gestein, umspült vom Dröhnen des Wassers, das mit jeder Welle neu hineinschwappt in die Kammern und Gänge, fühle ich mich wie Jona im Bauch des Wals.

Ein Kriegsschiff hält Wacht draußen auf dem Meer und macht mir klar: ich bin an der Grenze zum Libanon. Direkt hier bei den Grotten sind die Reste einer Eisenbahnschiene zu sehen, in einem Tunnel, der bis in den Libanon reicht.

Eine Sprengung in den 40er Jahren hat diesem Transportweg ins benachbarte arabische Land ein Ende bereitet.

Drusen bieten hier  Essen an, endlich esse ich mal wieder Brot mit Zatar, dem leckeren arabischen Thymiangewürz.

Ein Schnappschuss bannt weiße Tauben am Felsen zusammen mit dem Kriegsschiff auf ein Foto.

Welcome to the middle east.

Danach fahre ich weiter, entlang der Grenze zum Libanon, einen Steinwurf entfernt, durch karges aber reizvolles Land. immer wieder mal in mir die Frage: was suche ich hier? Es wird grüner, ich entscheide mich für die Fahrt hoch auf einen Berg. Eine Kuh auf der Straße- ich halte an, bin inmitten von Steineichen-Wädern, Kühe laufen gemächlich über die Straße, schauen mich aus großen, braunen Augen an, fressen in aller Ruhe die Blätter von den Bäumen. Gras findet man hier zu dieser Zeit nicht.

Ich sitze im Schatten unter einer Steineiche, genieße die absolute Stille, atme tief durch, und telefoniere mit meiner Tochter zu Hause.

Am späten Nachmittag fahre ich weiter zum Flughafen nach Tel Aviv. Ich nehme zwei Tramperinnen mit und nachdem ich sie an einer Sraße rausgelassen habe, kann ich mein Auto nicht mehr starten.

Ein Fahrer hält an, gibt mir völlig selbstverständlich Starthilfe, ich zuckel weiter. Aber beim nächsten Stop stehe ich vor dem gleichen Problem: Batterie leer. Noch einmal bekomme ich Starthilfe, fahre ein Stück, um dann wieder ... es ist Zeit für das Telefonat mit der Autovermietung. Immerhin habe ich das Komplettpaket Versicherungsschutz gebucht. Denke ich.

Welcome to the middle east- nach stundenlangem Warten an einer Schnellstraße und der mittlerweile dritten Starthilfe bin ich nonstop zum Flughafen gefahren und habe mich mit der Rezeption von der Autovermietung angelegt. 

Am Ende war die Batterie des Autos immer noch leer- mein Akku ebenfalls. Aber meinen Mann habe ich dann doch endlich, zu später Stunde in den Armen gehalten und mit einem anderen Mietauto nach Hause gefahren. Nach Hause, schreibe ich, und denke lächelnd: Haifa.