Hier sammel ich ein paar Splitter, sie sind noch ganz unsortiert, ich möchte sie aufheben, denn sie sind kostbar:
Esti erzählt, mit brüchiger , leiser Stimme.
Nahum ist seit vielen Tagen im Hospital. Klara ist allein.
Ich laufe an Libertas Zimmer vorbei, die Tür ist geschlossen. Und ich weiß, sie ist da drin, allein, in der Hitze ihres kleinen Zimmerchens. Sie hat mir neulich ihre Bilder gezeigt- die kleinen Bleistiftskizzen in ihrem Büchlein.
Der Hund hat Hunger, sucht überall was zu fressen. Er georcht mir nicht mehr so gut wie zu Beginn- ist das ein Zeichen von Vertrautheit?
Ich nehme ihn mit ins Konzert in einer Bar- da sitzt er brav an meiner Seite und hört Bach und Dowland. Die Leute um uns herum lächeln bei seinem Anblick und streicheln ihm über den Kopf- ich bin stolz wie Mama. Der Pianist vorn erklärt den Zuhörern, was eine Fuge ist. Ohne es zu wissen, weckt er damit für einen Moment in mir heftige Sehnsucht nach zu Hause.
Zwi sitzt wie fast immer in seinem Zimmer, er geht wenig raus, ich besuche ihn. Zwi stammt aus Rumänien. Ein fröhlicher, lebenslustiger Mann, der mich immer mit Handkuss begrüßt. Dann erzählt er munter drauf los- auf Hebräisch, und hängt mich völlig ab. Ich muss ihn erinnern- Zwi, bitte... kannst du jiddish sprechen? Und wie auf Knopfdruck wechselt er in den schönen weichen Singsang- und erzählt von früher. Von seiner Mama, und wie schwer sie es hatte, die 5 Kinder satt zu bekommen. Vom Schtetl, von seinen Religionsstunden beim Lehrer mit langem Bart und dass er manchmal dabei eingeschlafen ist.
Vom gelben Stern, den die Mama auf die Mäntel genäht hat.
Es treten Tränen in seine Augen, und er sagt, er möchte gern ein Lied singen- aber dazu ist er lieber allein, denn er möchte dann dabei weinen.
Mir fällt auf, dass er die Sprachen wechselt: erzählt er von früher, dann spricht er automatisch auf jiddish. Später dann erzählt er von seiner Zeit als junger Tischler hier in Israel. und plötzlich wechselt er zum Hebräischen über. Da muss ich ihn wieder erinnern, dass ich nichts verstehe, oder nur wenig. Und plötzlich wird mir klar, dass seine ganze Kultur untergegangen ist. er hat sie mit der Sprache auch verloren.
Ein Freiwilligendienst der besonderen Art: Gestern war großer Maniküretermin für die Ladies des Hauses- die Gewinnerin der Miss Americana- Wahl kam zu Besuch und bot persönliche Nagelpflege an. Schon öfter habe ich die Händer der Frauen hier bewundert. Alle Frauen hier im Heim haben schöne, gepflegte Hände , ihre sorgsam gefeilten Nägel sind lackiert in bunten, edlen Farben: deutlicher kann man das Bild nicht interpretieren- es ist der schöne Zugriff auf ein Frau-Sein, das bis zum Tod nicht aufhören wird. In Kindheit und Jugend gab es genug andere Themen, als sich um Schönheit zu kümmern.
Deshalb war es nicht verwunderlich, dass großer Andrang herrschte und sich die Ladies vor der Tür zu dem kleinen, improvisierten Beautysalon die Klinke in die Hand gaben.
Beim Mittagessen erzählt mir Rachel, dass sie als junge Frau 1956 mit einer israelischen Jugenddelegation nach Deutschland eingeladen war. Bemerkenswertes, weil makabres Detail: untergebracht war die Gruppe in Wannsee. Da haben die Organisatoren nicht weit gedacht oder wollten sie einen therapeutischen Schub provozieren? Rachel jedenfalls langt sich heute noch an den Kopf, wenn sie sich daran erinnert, dass sie mit ihrer Jugendgruppe übernachtet hat in dem Ort, wo die Endlösung der Judenfrage beschlossen wurde.
Meine 2. Malgruppe war heute morgen- Judith kam auch, wie habe ich mich darüber gefreut. Und sie hat drei sehr schöne Bilder gemalt, die darf ich mitnehmen. Judith fasziniert mich immer wieder, mit ihrem Humor, ihrem Schalk, ihrer Klugheit.
Von ihr möchte ich auf jeden Fall erzählen in meinem Stück. Ich möchte mit jeder neuen Vorstellung ihr Bild, ihre Stimme, ihre Geschichte, von der ich ein wenig weiß, lebendig erhalten.
Judith ist schon sehr krank- sicher weiß sie es. Aber sie schiebt es beiseite, gibt der Krankheit keinen all zu großen Platz in ihrem Tag.
Ich komme nach Hause- der Hund sitzt da und schaut mich mit großen Augen an. Wann warst du das letzte mal draußen?
Ich versuche, seine großen Augen zu ignorieren. Setze mich an den Computer, will schreiben.
Ein Gang in die Küche, ich laufe am Hund vorbei- er schaut. Legt seinen Kopf auf die Pfoten, schnauft vorwurfsvoll, sein Blick will so tun, als sei nichts....
Ich hol mir ein Glas Wasser, noch ein kurzer innerlicher Abgleich mit meinen Wünschen- und dann schnapp ich die Leine. Die blanke Freude schwappt auf mich, ungebremstes Schwanzgewedel. Ich könnte Liberta fragen, ob sie Lust auf einen Spaziergang hat...raus aus dem dunklen Zimmer.
Und siehe da, in nullkommanichts schlüpfen ihre Füße in die weichen Puschen vor ihrem Bettsofa. Als hätten sie schon auf mich gewartet. So sitzen wir wenig später zusammen auf der Bank im Park, vor uns der Hund und immer wieder neugierige Kinder, die sein weiches Fell streicheln.
Drei Zufriedene.