Sitze ich auf meiner Bank im Park, kann ich auf das Meer schauen. Vor mir der Hafen, weitläufig erstreckt sich die Bucht von Haifa. Eingerahmt von dem blendenden Hellgrau-creme-Weiß der Häuser, den gemischten Grüntönen von Zypressen, Oleander- und Olivenbäumen und blassblauem Himmel.
Auf dem Meer draußen liegen Schiffe, als sind sie da gestrandet und wissen nicht, wohin. Sicherlich gibt es einen handfesten ökonomischen Grund dafür, warum diese Ozeanriesen in der Bucht von Haifa vor Anker liegen. Aber meine Gedanken bauen ein anderes Bild zusammen- eines, das in die Vergangenheit reicht. Eines, von dem mir Judith in ihrem Zimmer erzählt hat.
Ich verenge meine Augen zu einem schmalen Spalt, blende die Tagesgeräusche aus, sehe eine 15Jährige, die mit ihrer Mutter an der Hand aus Bergen- Belsen wankt. Ich hab ihre Stimme noch im Ohr, als sie berichtet, das die Mutter nach einer Woche starb. Und weil es so viele Tote waren, überall, kam die Mutter in ein Massengrab. Ab da folgt das Herumirren in Deutschland, zusammen mit allen Verstreuten, Gestrandeten, Verlorengegangenen.
Es folgen die Rückkehr zum Wohnhaus nach Brünn, das Wiedersehen mit dem Bruder und der Entschluss: weg von hier. Nach Palästina. Davon haben wohl schon Vater und Mutter geträumt- beide Zionisten. In dem Gespräch traue ich mich nicht zu fragen, warum sie nicht schon vorher gegangen sind- es kommt mir zu nahe an dieses "was wäre geworden, wenn..." heran. Vielleicht frage ich später noch. Langes Warten der nun schon 18jährigen in Marseille auf die ersehnten Schiffsplätze, dann endlich der Gang aufs schwankende Schiff, inklusive spontaner Übelkeit, noch im Hafen. Judit fügt lachend hinzu, dass ihre Übelkeit ebenso spontan aufhörte, als das Schiff sich in Bewegung setzte und rings um sie herum alle anfingen, über der Reeling zu hängen. So war sie als Einzige in der Lage, richtig viel zu essen.
Mit Rita ein Vormittag am Strand.
Ihre Angst, die Straße zu überqueren,
immer wieder ihre feste Überzeugung: The Arabs hate us, die wollen, dass wir verschwinden. Und sie fügt hinzu: Die Araber können überall hin gehen, es gibt so viele arabische Länder. Wir Juden haben nur ein Land.
Ich höre zu, und versuche, den Fuß in den schmalen Spalt zu bekommen. Es ist unglaublich anstrengend. Ich öffne mich für die Sehnsucht der Juden, die hier ankamen, nach einem friedvollen Ort, ihrem Land. Und ich sehe zugleich die Araber, denen das Land ebenso gehört.
Das Thema ist immer um mich, zieht mich an. Warum?
