Wann ist man angekommen an einem Ort: Wenn die Tage eine bestimmte Struktur erhalten, wenn Termine sich wiederholen und du aufbaust auf dem, was du in der letzten Woche getan hast..
Wenn Menschen dich von der anderen Straßenseite grüßen.
Ich bin angekommen, ich habe meinen Arbeitsalltag. Ich spüre meine Müdigkeit am Abend. Ich nehme Busse, ohne vorher ins GPS zu schauen.
Ich beginne, nein zu sagen, wenn mir etwas zu viel wird. Ich ziehe mich zurück, wenn ich es brauche.
Die Tage hier vergehen unglaublich schnell. Ich möchte gerne mehr Zeit verbringen mit all den verschiedenen Menschen im Heim, aber das ist gar nicht so leicht. Ich möchte mit Klara zusammen sein, mit Judit, mit Sara, Zwi und Nahum...mit Eliezer und Liberta.
Mit Shoshana, Miriam und Naomi...
Heute morgen habe ich Fanny zum Medical center begleitet. Ich halte ihren Arm, verlangsame mein Tempo um das Hunderfache und gehe mit winzigen Schrittchen neben ihr her. Es ist schön, so langsam zu werden. Es ist schön, diesen Moment ganz auszukosten. Es ist Jetzt.
Absurde Szenerie an der Rezeption, irgendetwas scheint mit dem Termin nicht zu stimmen, wir werden auf mehrere verschiedene Stockwerke geschickt, der Lift bringt uns hoch und runter und wieder hoch. Keiner scheint sich zuständig zu fühlen, Fanny bleibt hartnäckig und spricht lange mit einer jungen Frau am Schalter. Ich versuche, dem Gespräch zu folgern, aber nur wenige Worte sind mir bekannt. Eines davon ist Shoah. Das hebräische Wort für den Holocaust- Fanny hat wohl angegeben, wo sie wohnt und dies hat eventuell auch mit der ärztlichen Versorgung zu tun. Wie mag es sich anfühlen, mit diesem Adresszusatz zu leben?
In meinen Ohren klingt die Frau am Schalter recht unfreundlich, dennoch scheint sie das Beste für Fanny zu versuchen. Am Ende hat Fanny einen neuen Termin- in zwei Monaten (!) zur Sonografie. Aber sie nimmt es gelassen, spaziert mit mir danach durch einen kleinen Markt, der mich irgendwie an einen Markt in meiner Kindheit erinnert und lädt mich auf einen frischen Karottensaft ein.
Heute Nachmittag war meine dritte Theater - Stunde. Das Theater mit all seinen Möglichkeiten schiebt sich mehr und mehr in den Vordergrund. Die Idee der Verwandlung, dieses wunderbare "Als-ob".... Judit ist ein Naturtalent. Bringt uns alle zum Lachen, vergisst für die Dauer von 75 Minuten die dunklen Seiten in ihrem Leben.
Heute ist der Friedensaktivist Uri Avnery in Tel Aviv gestorben. Eine Stimme der Vernunft weniger.
Am Abend, im Theater, kurz bevor die Vorstellung beginnt, habe ich diese Zeilen im Kopf und tippe sie noch schnell in mein Handy:
Sie gehen...
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