Eine neue Woche

Mein PC hat beschlossen, wieder mit mir zu kooperieren. Ich habe ihn mehrere Stunden vor den Ventilator gestellt und nach dieser Trockendusche war er plötzlich wieder auf Sendung. 

Eine neue Woche voller Eindrücke, die ich festhalten möchte : Meine Gymnastik- Stunden werden begeistert angenommen. Unsere Runde wird immer größer. Auch meine Drama-Group gestern war ein voller Erfolg. In einem Wechsel aus Übungen im Sitzen und Stehen, einzeln, zu zweit und in der Gruppe, bringe ich die Frauen in Bewegung. Körperlich, mental  geistig. Es wird viel gelacht, sie fangen an, sich auf die Spiele in der Runde einzulassen. Meine Anweisungen halte ich so klar und einfach wie möglich, oft schon auf hebräisch. Die Männer sind leider abwesend.., wie so oft in solchen Gruppen. Man müsste gezielter auf die Männer zugehen. Aber womit? Ich suche nach Themen, die interessieren könnten... Sport, Autos, Hunde, der Krieg ?

Angela und ich erhalten eine Einladung zum Kaffee bei Fanny Amar. Da Angela kein Französisch spricht, darf ich übersetzen und freue mich über meine Fortschritte in dieser von mir so geliebten Sprache. Die ältere Dame kocht hervorragenden Espresso, zeigt Fotos von Kindern, Ehemann und Enkeln an der Wand. Eine uralte, verblasste Fotografie vom Papa hängt da auch.

Zu Hause erreicht mich eine Mail von Judit. Im Anhang: die Lebensgeschichten der Bewohner hier. Zusammengefasst aus Interviews, die zu verschiedenen Zeiten mit den Menschen geführt wurden. Ich ziehe mich in mein Zimmer zurück, lese eine Biografie nach der anderen, versinke in diesen Texten. Schreckliche Details von Flucht, von Sich - verstecken - müssen, von  Krankheiten, und immer wieder von Hunger. Hunger. Hunger. Und der Suche nach etwas Essbarem.

Da fällt mir auf: ich sehe viele der Bewohner vor allem während der Mahlzeiten.

Mein Blick fällt oft auf deren Hände, wie sie das Essen halten, ihren Teller zu ihrem Platz tragen. So mancher Teller schwankt und zittert schon beträchtlich. Manche der Bewohner haben eine rundum- Pflegekraft, mit der sie ihren Alltag verbringen.

Die Zeit rennt. Und mir wird immer deutlicher klar, dass diese Generation  nicht mehr lange da sein wird.

Ich sehe und spüre es auch, wenn ich  mit Liberta in den nahe gelegen Park laufe. Ihr zarter Arm ruht auf meinem Arm, durch dünne feine Haut spüre ich die dünnen Knochen, sie ist leicht wie ein Vogel.

Lange sitzen wir zusammen auf der Bank, sie schaut in die Baumkronen, redet wenig. Lächelt manchmal vor sich hin, freut sich, wenn Kinder vorbei rennen. 

Mit Liberta im Park
Mit Liberta im Park

Vorgestern mit Rita am Strand, nach einer viel zu langen Busfahrt - und zu vielen Schritten in der prallen Hitze vom Bus zum Strand- für Rita grenzwertig. Aber dann endlich: die Strandpromenade, der Wind, das Rauschen des Meeres. Ein Strandcafé. Du hast Espresso bestellt, doppio, mit Milch, versteht sich - es wundert mich schon kaum noch, dass ich meinen Kaffee auf die selbe Art wie du trinke. Ich fühle mich dir nah. Und deine Einladung zu espresso doppio mit Milch nahm ich gerne an. 

Wir sind dann barfuß durchs Wasser gelaufen, haben uns in zwei alte Liegestühle gelegt, die herrenlos im Wasser standen. 

Du hast sogar ein wenig geschlafen, glaube ich. Jedenfalls warst du ganz ruhig. Was für ein Abenteuer für dich, seit Jahren warst du  nicht mehr am Meer. Ich fand einen alten Sonnenschirm im Sand, er bot uns den dringend benötigten Schatten. Am Abend bin ich noch einmal los, um einen kürzeren Weg zum Meer zu finden- Bat Galim, der nahegelegene Strand in der unteren Stadt. Das nächste mal, Rita, bist du schneller mit deinen Füßen im Wasser. 

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